Es gibt keine ökonomischere Ökonomie als eine ökologische


Es gibt keine ökonomischere Ökonomie als eine ökologische
Argumente zur Überwindung eines Scheinwiderspruchs

Den wahren Ökonomen.

Ökonomie - Reich der Knappheit

Ökonomie, griechisch, oikos = Wohnung, Haus, Haushalt, Hauswirtschaft. nomos = Gesetz, Brauch, Übereinkunft. oikonomia = Haushaltung. Ökonom = Haushalter, Verwalter, Wirtschafter, ebenso Wirtschaftswissenschaftler. Mir scheint, im Zentrum europäischen Wirtschaftsverständnisses stehen von alters her weder Geld noch Markt, weder Profit noch die Börse, sondern der zu eigenen und eigenverantwortlichen Einsichten, Urteilen, Entscheidungen und Handlungen fähige Mensch, der Ökonom, dessen gesellschaftliche Funktion ich mit ‚der verantwortungsbewusst, effizient und produktiv mit Knappheit Umgehende’ beschreiben möchte.

Ökologie: oikos – wie oben - plus logos = Rede, Wort, Vernunft, Wissenschaft. Ökologie ist die Wissenschaft von den Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt. Sie ist die Wissenschaft und das Ideengebäude vom Naturhaushalt einschließlich der Interventionen des Menschen in diesen Haushalt.

Wenn sich die Begriffsbedeutungen von Ökologie und Ökonomie rational ausgebildet hätten, könnte Ökologie für die Wissenschaft vom Haushalt (Natur- und Menschenhaushalt) und Haushalten stehen. Die praktischen Dimensionen des Haushaltens, Wirtschaftens (Planen, Entscheiden, Handeln, Regulieren, Verfassen, Produzieren, Benutzen, Konsu-mieren...) könnten mit dem Wort Ökonomie erfasst werden.

Natürlich wandelt sich die Bedeutung von Wörtern im Laufe der Zeit, und es ist nicht mög-lich, einfach eine ‚ursprüngliche’, ‚eigentliche’ Bedeutung wieder in Kraft zu setzen, zumal es letzte Authentizität nicht gibt. Alles, was wir an Sprachinhalten über die Jahrtausende finden können, ist schon Verwandeltes. Dennoch kann es hilfreich sein, früheren Bedeu-tungen nachzuspüren; denn der Wandel erfolgt im Zusammenhang individueller und kollektiver Interessens- und Aufmerksamkeitsverschiebungen. Dabei können wichtige Aspekte verloren gehen. Das Gedankenspiel‚ „Was wäre, wenn die Begriffe anders organisiert würden und damit unsere Aufmerksamkeit und Kommunikation auf andere Weise leiten würden?“, könnte helfen, die unsachgemäße Trennung zwischen Naturhaushalt und Menschenhaushalt zu überwinden, und uns von den wissenschaftlichen Fragestellungen wie auch den praktischen Handlungsmöglichkeiten (-risiken, -kosten, -erfolgen) in den allum-fassenden Ressourcenprozess zu stellen. Die Wissenschaft vom Haushalt und Haushal-ten ‚Ökologie’ würde sich als Sozial- respektive Kulturwissenschaft und als Naturwissen-schaft verstehen und entwickeln müssen. Zuweilen geschieht dies auch.

Der praktisch handelnde Ökonom (jeder, der an der Entwicklung, Pflege, Bereitstellung und Nutzung von Ressourcen beteiligt ist) sollte bestimmte psychische, soziale, organisatorische, naturwissenschaftliche und technische Kenntnisse und Kompetenzen entwickeln, die ihn befähigen, Ressourcen zu pflegen. Da jeder Mensch in irgendeiner Weise in diese Prozesse verwickelt, mithin Ökonom ist, würden sich daraus ernorme Konsequenzen für die Curricula aller allgemein bildenden aber auch spezifischen Bildungssysteme ergeben vom Kindergarten über Grund-, Haupt- und Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen, beruflichen Bildungssystemen, Erwachsenenbildung und Universitäten. Gerade die hochgradige Arbeitsteilung moderner Gesellschaften macht übergreifende Einstellungen und Kompetenzen erforderlich. Ein geschärftes Ressourcenbewusstsein gehört dazu. Vor allem aber alle professionellen Ökonomen (Wirtschafter, Betriebs-, Unternehmens-, Verwaltungsführer, politischen Entscheider etc.) müssten über diese geistige Grundausrüstung in Sachen Ökonomie verfügen.

Wichtigste Schlüsselkompetenz wäre eine konsequente Aufmerksamkeit gegenüber Res-sourcen: die Fähigkeit zu erkennen, welche Ressourcen ich an meinem Arbeitsplatz, in der Freizeit, in der Familie, bei der Ausübung meines Hobbys, beim Reisen etc. in An-spruch nehme, und wie sich mein (unser) Verhalten auf den Zustand und die Entwicklung dieser Ressourcen auswirkt. Und: meine und unsere beharrliche Aufmerksamkeit muss auch der Frage gelten, ob das, was ich, was wir tun, eher wertschöpfende oder eher destruktive Wirkungen hat. Natürlich sind dies sehr schwierige Fragen und wir werden auf eine Menge von Ambivalenzen stoßen. Dennoch müssen wir uns ihnen sowohl in der indi-viduellen Lebensplanung als auch der öffentlichen Debatte stärker stellen als es bisher. Die Fragen sind auch deshalb schwierig, weil wir uns vielfach eine ressourcenbezogene Aufmerksamkeit erst wieder erarbeiten und durch Übung Routine darin entwickeln müssen.

Die veränderten Einstellungen und Handlungsbereitschaften würden der Verschwendung und Zerstörung von Ressourcen durch Unkenntnis und Gedankenlosigkeit entgegenwirken. Zu meinen, hohe Preise alleine seien in der Lage, Menschen zur nötigen Umsicht und Rücksichtnahme im Umgang mit Ressourcen zu bewegen, erschiene mir blauäugig. Wenn Preise fortschreitende Verknappung spürbar signalisieren, ist es oft schon zu spät. Die betreffende Ressource ist bereits weitgehend erschöpft. Außerdem werden realitätsgerechte Preise, die die tatsächliche Knappheit widerspiegeln würden, massenhaft durch offene und noch viel mehr, versteckte Subventionen, verhindert. Die insgesamt derzeit noch viel zu niedrigen Flugpreise (nicht zu reden vom ‚Billigfliegen’), sind nur eines von vielen Beispielen. Sie bilden die immer bedrohlicher werdende Knappheit der Ressource ‚stabiles Weltklima’ keineswegs angemessen ab.

Im übrigen haben in der gewaltigen Industrierevolution, die seit Jahrhunderten anhält und auch in ihren brutalen Erscheinungsformen längst noch nicht abgeschlossen ist (s. die aktuelle Industrialisierung in Russland, China und vielen anderen Ländern), Menschen die Zerstörung so wichtiger Ressourcen wie Sicherheit und Gesundheit massenhaft mit stagnierender und sinkender Lebensqualität und mit dem Leben bezahlt. Der Preis ist hoch, wird aber entrichtet, weil die Zusammenhänge nicht durchschaut werden, und weil eman-zipatorischer Wandel in Richtung tatsächlicher Ökonomisierung der Prozesse durch reaktionäre Machtentfaltung verhindert wird.

Die Zahl der Menschen, die lehrend, ausbildend und führend tätig sind und in ihren Einstellungs- und Handlungsmustern ein waches und aufgeklärtes Ressourcenbewusstsein an den Tag legen, ist nach wie vor gering.


aus:
Kinder des Wortes. Essays.
1. Auflage 2009
S. 61 ff.
 Hans-Peter Schwöbel

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Gertrud Schwöbel
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230 Seiten. 15,00 €

ISBN 978-3-925897-07-8




© Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel