Plakate für alle...

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel
on 05. Okt
„Wir werden Euch führen, wohin ihr uns wollt!“ Mit diesem (scheinbar) paradoxen Satz habe ich schon vor vielen Jahren Populismus charakterisiert. Diktaturen brauchen neben Geheimdiensten und Gewalt auch populistische Elemente, mit denen sich Herrschende und Beherrschte aneinander berauschen. Unser Flüchtlingshelfer am Bosporus macht das beispielhaft vor und treibt damit noch Innenpolitik in Deutschland. Der Satz, „Mid uns komma’s jo mache...“ ist leider allzu wahr.

Aber auch demokratische Systeme sind nicht frei von populistischen Beziehungen. Populismus beschreibt

die Kumpanei zwischen Regierenden und Regierten, Medien-Machern und Medien-Nutzern, Wählern und Gewählt-Werden-Wollenden. Meist ist schwer zu klären, wer Treiber und Getriebene, wer die Angstmacher und wer die Angsthaber sind. Populismus pulst von oben nach unten und umgekehrt. Oft sind die (scheinbar) Mächtigen nur Scheinriesen wie in Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Ihre Ratlosigkeit und ihre Angst sind nicht geringer als die „der Menschen da draußen“. Ihre Medien-Macht reicht aber aus, die eigene Panik Anderen als Stigma auf die Stirn zu projizieren.

Untersuchungen zeigen: ein Wahlplakat am Straßenrand wird vom vorbeieilenden Autofahrer ca. zwei Sekunden lang wahrgenommen. Die Plakate versuchen deshalb gar nicht erst, unseren Verstand zu erreichen. Sie lassen Gefühlsblasen blubbern. Viele Botschaften sind so flach, dass man sie unter jedem Gedanken durchschieben kann. Das gilt nicht zuletzt für die Parteien, die bereits im Bundestag sitzen. Von „Wohnen muss bezahlbar bleiben!“ über „Bezahlbare Mieten!“ spannt sich eine Vielparteien-Ko-Lallition bis zu „Wohnen für alle!“... Gerechtigkeit, Bildung für alle, gerechte Renten, guter Lohn für gute Arbeit, Kinder vor Armut schützen, sind weitere Forderungen. Wer wollte ihnen je widersprechen? Prinzip: Allen wohl und niemand weh. Schlagwort-Recycling. So weit, so populistisch.

Wollen wir hoffen, dass Autofahrer beim zweisekundigen Betrachten der Plakate nicht vom Sekundenschlaf übermannt werden. Wichtiger aber als alles, was die Flach-Text-Bild-Schirme in unseren Straßen zeigen, ist, was sie verbergen: Blinde-Kuh-Spielen als gehobene Variante von Populismus. Medien, die die Langeweile im Wahlkampf beklagen, ohne zu zeigen, wie diese aus erkennbaren Gründen künstlich erzeugt wird, handeln selbst populistisch. Alle Umfragen bestätigen: die deutschen Wähler bewegt der Themenkomplex (künftige!) Völkerwanderung-Migration mehr als alles, worüber die meisten Plakate blubbern und plappern. Dies ernst zu nehmen, wäre gerade kein Populismus.

 

WOCHENBLATT Mannheim

07. Seeptember 2017