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Gemälde: Waltraud Gossel (Ausschnitt)
Persönlichkeit: Eigenart – stark und zart
Hans-Peter Schwöbel
(Siehe der Schwöbel-Blog am Samstag, 18.04.2026)
Was nun, wenn das Menschenkindlein herbeigesehnt, herbeigesungen, herbeigefühlt, herbeigetanzt und herbeigesprochen aus der warmen Höhle des Mutterleibs gepresst wird in die wunderschöne und wunderbare, in die schlimme und schreckliche Welt?
Viele Redensarten, die wir für diesen Vorgang verwenden, treffen nicht zu. Das Licht der Welt erblicken? Bereits im Mutterleib macht das Kind Licht-Erfahrungen. Auf die Welt kommen? Schon vor der Geburt war das Kind auf der, in der Welt. Rabiate Abtreibungsbefürworter verdrängen dies und hassen alle, die sie daran erinnern.
Wie geht es weiter mit der Persönlichkeitsentwicklung und Enkulturation dieses Menschenkindes? Der Prozess ist so komplex, dass ich ihn nur rhapsodisch skizzieren kann.
Persönlichkeit ist, indem sie wird. Sie ist das ureigenste, lebenslängliche Projekt eines konkreten Menschen, sofern er diesen Auftrag an sein Leben verstanden und angenommen hat. Persönlichkeitsentwicklung kann sich als abruptes und kontinuierliches Wachstum vollziehen. Verstehen und verstanden werden, spielen dabei eine überragende Rolle.
Helikopter-Erziehung, Betreutes-Denken-und-Fühlen sind Feinde eigenständiger Persönlichkeitsentwicklung und Enkulturation. Wer sich jedoch zum aufrechten Gang entschlossen hat, überwindet auch diese Überwältigungsversuche.
Albert Einstein: „Es gibt keine vernünftige Erziehung, außer Vorbild zu sein, wenn's nicht anders geht, ein abschreckendes.“ Und: „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt. Fantasie umfasst die ganze Welt.“ Und: „Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. Das Ziel der Erziehung besteht darin, dem Kinde zu ermöglichen, ohne Lehrer weiterzukommen.“
Wie viele große Gedanken, sind auch die Einsteins von Ambivalenzen durchzogen. Man spürt seine Skepsis gegenüber „Erziehung“. Dennoch kann er dieses Konzept nicht ganz umgehen. Hier zeigen sich nicht des Gedankens Schwäche, sondern reale Spannungen, in denen gelebte Eigenart in Freiheit und Selbstverantwortung wachsen kann.
Der Mensch ist ein Möglichkeits- und ein Mängelwesen. Das eine hat zutiefst mit dem anderen zu tun. Lebewesen mit geringen Möglichkeiten weisen auch weniger Mängel auf. Einzeller machen keine Fehler.
Emanzipatorische Persönlichkeitsentwicklung ist der stete Versuch, seine eigenen besonderen Möglichkeitshorizonte zu entfalten und damit sich und seine Mitmenschen zu bereichern: Ein sich emanzipierender Mensch in einer emanzipatorischen Kultur. Mehr ist für uns diesseits von Eden nicht zu erreichen.
Hin und wieder liest man von „Experten“, Persönlichkeit sei zu 20% (30%, 40%… etc.) genetisch bestimmt. Das ist Unfug. Persönlichkeit und Kultur sind extrem komplexe (nicht-lineare) Systeme und Prozesse, in denen sich Prozentangaben verbieten. Die sollen Wissenschaftlichkeit vortäuschen, sind also das Gegenteil von Wissenschaft.
Genetische Begabung und Lernen umarmen einander, vertiefen einander, erhöhen und erfüllen einander, regen einander an, binden und befreien einander.
Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 25.04.2026








